* 32 *

Am Tag nach der Abreise der Botenratte setzte das große Tauen ein. Es begann in den Marram-Marschen, wo es immer etwas wärmer war als anderswo, zog dann den Fluss hinauf, durch den Wald und zur Burg. Die Burgbewohner atmeten auf. Ihre Lebensmittel gingen zur Neige, weil die Wächterarmee viele Vorratskammern geplündert hatte, um DomDaniel mit allem Nötigen für seine häufigen Bankette zu versorgen.
Erleichtert über das Tauwetter war auch eine gewisse Botenratte, die niedergeschlagen und zitternd in einer Rattenfalle unter dem Fußboden der Damentoilette saß. Stanley war dort eingesperrt worden, weil er sich geweigert hatte, die genaue Lage von Tante Zeldas Hütte preiszugeben. Er sollte nie erfahren, dass der Jäger sie mithilfe der Auskünfte, die Simon Heap dem Obersten Wächter gegeben hatte, bereits herausgefunden hatte. Ebenso wenig sollte er erfahren, dass niemand die Absicht hatte, ihn jemals freizulassen, obwohl er es sich denken konnte, erfahren, wie er war. Er hielt sich so gut es ging am Leben. Er aß, was er kriegen konnte, hauptsächlich Spinnen und Kakerlaken, leckte Wassertropfen von den auftauenden Abflussrohren und dachte beinahe wehmütig an Mad Jack. Dawnie hatte inzwischen die Hoffnung aufgegeben, dass er noch am Leben war, und war zu ihrer Schwester gezogen.
Der Schnee schmolz so schnell, dass die Marram-Marschen unter Wasser gesetzt wurden. Bald schimmerte überall grünes Gras durch, und der Boden wurde nass und schwer. Das Eis im Mott und in den Kanälen taute zuletzt, doch als die Marschpython spürte, dass es wärmer wurde, begann sie sich zu regen, schlug ungeduldig mit dem Schwanz und dehnte ihre vielen hundert steif gewordenen Rippen. In der Hütte warteten alle mit angehaltenem Atem darauf, dass die riesige Schlange aus ihrem eisigen Gefängnis ausbrach. Sie wussten nicht genau, wie hungrig sie war, oder wie verärgert. Nicko hatte Maxie mit einem dicken Seil an ein Tischbein gebunden, damit er in der Hütte blieb. Er war sich ziemlich sicher, dass frisches Wolfshundfleisch ganz oben auf dem Speisezettel der Marschpython stand, wenn sie erst einmal frei war.
Es geschah am dritten Tag nach Einsetzen des großen Tauens. Plötzlich knackte es laut, und das Eis über dem mächtigen Kopf der Python zerbarst und spritzte hoch in die Luft. Die Schlange bäumte sich auf, und Jenna, die als Einzige in der Nähe war, flüchtete hinter das Hühnerboot. Die Python blickte kurz in ihre Richtung, hatte aber keine Lust, auf Jennas schweren Stiefeln herumzukauen, und so setzte sie sich mühsam in Bewegung und kroch langsam im Mott herum, um den Ausgang zu suchen. Als sie ihn endlich gefunden hatte, bekam sie Schwierigkeiten: Sie konnte nicht weiter. Mehrmals versuchte sie, ihren riesigen Leib in die andere Richtung zu krümmen, doch es ging nicht. Sie konnte nur noch im Kreis schwimmen, immer im Mott herum, mehr nicht. Jedes Mal, wenn sie in den Kanal abbiegen wollte, der hinaus in die Marschen führte, versagten ihre Muskeln den Dienst.
Tagelang lag die Schlange gefangen im Mott, schnappte nach Fischen und funkelte jeden zornig an, der sich ihr näherte. Was freilich keiner mehr tat, nachdem sie einmal ihre lange gespaltene Zunge hatte herausschnellen lassen und Junge 412 durch die Luft geschleudert hatte. Schließlich, eines Morgens, kam die Frühlingssonne heraus und wärmte die Schlange so, dass ihre steifen Muskeln wieder locker wurden. Schwerfällig und wie ein rostiges Gartentor quietschend schwamm sie davon, um sich ein paar Ziegen zu suchen, und nach ein paar Tagen war sie fast wiederhergestellt. Aber nur fast. Nach diesem Vorfall zog die Python beim Schwimmen immer ein wenig nach rechts.
Als das große Tauen die Burg erreichte, begab sich DomDaniel mit seinen beiden Magogs flussaufwärts zur Miesbucht, wo die drei mitten in der Nacht ein schmales vermodertes Fallreep überquerten und an Bord seines Dunkelschiffs, der Vergeltung, gingen. Dort warteten sie einige Tage, bis die Springflut kam, die DomDaniel brauchte, um mit dem Schiff aus der Bucht zu segeln.
Am Morgen nach Einsetzen des großen Tauens berief der Oberste Wächter eine Sitzung des Wächterrats ein, ohne zu ahnen, dass er tags zuvor vergessen hatte, die Tür der Damentoilette abzuschließen. Simon war nicht mehr an das Rohr gekettet, denn der Oberste Wächter sah in ihm mittlerweile eher einen guten Bekannten als eine Geisel. Am späten Vormittag saß Simon da und wartete geduldig auf den üblichen Besuch des Obersten Wächters. Er lauschte gern dessen Klatsch über DomDaniels unzumutbare Forderungen und Wutausbrüche und war daher enttäuscht, als zur gewohnten Stunde niemand erschien. Er sollte nie erfahren, dass der Oberste Wächter, der sich in letzter Zeit in seiner Gesellschaft etwas gelangweilt hatte, in diesem Augenblick fröhlich an einem Plan bastelte, den DomDaniel »Operation Komposthaufen« nannte, bei der nicht nur Jenna, sondern die gesamte Familie Heap beseitigt werden sollte, Simon eingeschlossen.
Nach einer Weile probierte er die Tür, nicht um zu fliehen, mehr aus Langeweile. Zu seinem Erstaunen ging sie auf, und er blickte auf einen leeren Korridor. Er sprang zurück in die Toilette und schlug in panischem Schrecken die Tür zu. Was sollte er tun? Sollte er fliehen? Wollte er denn überhaupt fliehen?
Er lehnte sich gegen die Tür und dachte nach. Der einzige Grund zu bleiben war das vage Versprechen des Obersten Wächters, ihn zu DomDaniels Lehrling zu machen. Doch er hatte das Versprechen nie wiederholt. Und Simon hatte in den sechs Wochen, die er in der Damentoilette zugebracht hatte, eine Menge vom Obersten Wächter erfahren. Dabei war ihm vor allem eines klar geworden: Dem Wort des Obersten Wächters war nicht zu trauen. Und noch etwas: Er musste sich jetzt auf das Wichtigste konzentrieren. Und das Wichtigste in Simon Heaps Leben war ab sofort Simon Heap.
Simon öffnete erneut die Tür. Der Korridor war noch leer. Er fasste sich ein Herz und trat aus der Toilette.
Silas ging traurig den Zaubererweg entlang. Er hob den Blick zu den schmutzigen Fenstern über den Läden und Kontoren, und fragte sich, ob Simon womöglich irgendwo in den dunklen Winkeln dahinter gefangen gehalten wurde. Ein Zug Gardisten marschierte vorbei. Silas schlüpfte in einen Hauseingang und hielt krampfhaft Marcias Talisman fest. Hoffentlich funktionierte er noch.
»Pst«, machte Alther.
»Was?« Silas zuckte zusammen. Er hatte Alther in letzter Zeit nicht oft gesehen, da der Geist die meiste Zeit bei Marcia im Verlies Nummer eins verbrachte.
»Wie geht es Marcia heute?«, flüsterte Silas.
»Etwas besser«, antwortete Alther grimmig.
»Ich finde immer noch, dass wir Zelda benachrichtigen sollten«, sagte Silas.
»Hör auf meinen Rat, Silas, und bleib der Rattenzentrale fern. DomDaniels Ratten aus den Ödlanden haben den Laden übernommen. Das ist eine Bande gemeiner Verbrecher. Aber keine Sorge, mir fällt schon noch was ein. Es muss doch eine Möglichkeit geben, sie hier herauszubringen.«
Silas wirkte mutlos. Marcia fehlte ihm mehr, als er es sich eingestehen mochte.
»Kopf hoch, Silas«, sagte Alther. »In der Schänke wartet jemand auf dich. Ich bin ihm begegnet, als ich von Marcia kam. Er ist im Palast herumgeirrt. Ich habe ihn durch den Tunnel hinausgeschmuggelt. Beeil dich, bevor er es sich anders besinnt und wieder verschwindet. Er hat es faustdick hinter den Ohren, dein Simon.«
»Simon!« Silas strahlte übers ganze Gesicht. »Alther, warum hast du das nicht gleich gesagt? Geht es ihm gut?«
»Es scheint so«, antwortete Alther knapp.
Simon war seit zwei Wochen wieder bei seiner Familie, als Tante Zelda am Tag vor Vollmond auf der Türschwelle ihrer Hütte stand und auf ein Geräusch in der Ferne lauschte.
»Jungs«, sagte sie zu Nicko und Junge 412, die mit Besenstielen fochten, »nicht jetzt. Ich muss mich konzentrieren.«
Nicko und Junge 412 unterbrachen ihr Duell. Tante Zelda wurde ganz still, und ihr Blick nahm einen abwesenden Ausdruck an.
»Da kommt jemand«, sagte sie nach einer Weile. »Ich schicke den Boggart los.«
»Na endlich!«, sagte Jenna. »Ich frage mich, ob es Dad oder Marcia ist. Vielleicht ist Simon bei ihnen. Oder Mum. Vielleicht kommen sie alle!«
Im Nu war Maxie auf den Beinen, sprang hinüber zu Jenna und wedelte wie verrückt mit dem Schwanz. Manchmal schien er genau zu verstehen, was sie sagte. Nur nicht, wenn sie »Zeit zum Baden, Maxie!« sagte oder »Es gibt keine Kekse mehr, Maxie!«.
»Ganz ruhig, Maxie«, sagte Tante Zelda und kraulte dem Wolfshund die seidigen Ohren. »Ich habe das ungute Gefühl, da kommen Fremde.«
»Oh«, sagte Jenna, »aber wer weiß denn sonst noch, dass wir hier sind?«
»Ich habe keine Ahnung«, antwortete Tante Zelda. »Aber wer diese Leute auch sein mögen, sie sind jetzt in den Marschen. Gerade angekommen. Ich fühle es. Mach Platz, Maxie. Braver Junge. Wo steckt denn dieser Boggart?«
Tante Zelda stieß einen Pfiff aus. Die gedrungene braune Gestalt kletterte aus dem Mott und kam zur Hütte heraufgewatschelt.
»Nich so laut«, beschwerte er sich und rieb sich die kleinen runden Ohren. »Das geht einem ja durch Mark und Bein.« Er bedachte Jenna mit einem Nicken, »’n Abend, Miss.«
»Hallo, Mr Boggart.« Jenna lächelte. Der Boggart brachte sie immer zum Lächeln.
»Boggart«, sagte Tante Zelda, »da kommt jemand durch die Marschen. Wahrscheinlich sind es mehrere. Ich bin mir nicht sicher. Könnten Sie mal nachsehen, wer es ist?«
»Kein Problem«, sagte der Boggart. »Ich schwimm kurz hin. Wird nicht lange dauern.« Jenna sah zu, wie er zum Mott zurückwatschelte und leise platschend ins Wasser tauchte.
»Bis er zurückkommt, sollten wir die Einmachgläser fertig machen«, schlug Tante Zelda vor. »Nur für den Fall.«
»Aber Dad hat doch gesagt, dass du die Hütte nach dem Überfall der Braunlinge verzaubert hast«, sagte Jenna. »Bedeutet das nicht, dass wir sicher sind?«
»Nur vor den Braunlingen«, antwortete Tante Zelda, »und auch dieser Schutz lässt mittlerweile nach. Und wer immer die Leute sind, die da durch die Marschen kommen: Ich fühle, dass sie größer sind als Braunlinge.«
Tante Zelda ging, um das Zauberbuch zu den eingemachten Panzerkäfern zu holen.
Jenna betrachtete die Einmachgläser, die noch immer aufgereiht auf den Fensterbänken standen. In der dickflüssigen grünen Masse warteten die Panzerkäfer. Die meisten schliefen, aber einige regten sich, als ahnten sie, dass sie möglicherweise bald gebraucht wurden. Wofür?, fragte sich Jenna. Oder besser: gegen wen?
»So«, sagte Tante Zelda, als sie zurückkam. Sie legte das Buch auf den Tisch, schlug die erste Seite auf, nahm einen kleinen Silberhammer heraus und reichte ihn Jenna.
»Nimm, das ist der Aktivator«, sagte sie zu ihr. »Würdest du bitte herumgehen und damit an jedes Glas klopfen, dann sind sie einsatzbereit.«
Jenna nahm den Silberhammer, ging an den Gläsern entlang und klopfte auf jeden Deckel. Sofort erwachten die Bewohner der Gläser und standen stramm. Bald wartete eine Armee von sechsundfünfzig Panzerkäfern darauf, freigelassen zu werden. Jenna gelangte an das letzte Glas, das mit dem ehemaligen Tausendfüßler. Sie schlug mit dem Hammer auf den Deckel. Zu ihrer Überraschung flog der Deckel weg, der Panzerkäfer schoss in einem Schwall grüner Pampe heraus und landete auf ihrem Arm.
Jenna schrie.
Der befreite Panzerkäfer kauerte mit gezücktem Schwert auf ihrem Unterarm. Sie stand wie versteinert da und wartete darauf, dass er sich umdrehte und sie angriff. Sie hatte völlig vergessen, dass seine einzige Aufgabe darin bestand, seine Befreierin vor ihren Feinden zu schützen. Und nach denen hielt er jetzt Ausschau.
Der Panzerkäfer war klein, aber gefährlich und bereit zum Angriff. Die grünen Schuppen seines Panzers bewegten sich fließend, als er sich drehte und im Zimmer umsah. Sein dicker rechter Arm hielt ein rasierklingenscharfes Schwert, das im Kerzenlicht funkelte, und seine kurzen kräftigen Beine trippelten unablässig, während er sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagerte und den möglichen Feind abschätzend musterte.
Aber der Feind war ein enttäuschender Haufen.
Da war nur ein großes Flickenzelt, das ihn aus hellblauen Augen ansah.
»Leg einfach die Hand über den Käfer«, raunte das Zelt seiner Befreierin zu. »Dann rollt er sich zu einer Kugel zusammen, und wir können versuchen, ihn wieder ins Glas zu sperren.«
Die Befreierin beäugte das scharfe kleine Schwert, mit dem der Käfer herumfuchtelte, und zögerte.
»Wenn du willst, tu ich es«, sagte das Zelt und kam näher. Der Käfer wirbelte drohend herum. Das Zelt blieb abrupt stehen und fragte sich, was hier nicht stimmte. Sie hatten doch alle Käfer geprägt, oder etwa nicht? Eigentlich hätte er erkennen müssen, dass keiner von ihnen der Feind war. Aber das tat er offenbar nicht. Er kauerte auf Jennas Arm und hielt weiter nach Feinden Ausschau.
Dann hatte er entdeckt, was er suchte. Zwei junge Krieger mit kampfbereit erhobenen Spießen. Und einer trug einen roten Hut.
Dunkel erinnerte er sich an diesen roten Hut aus einem fernen früheren Leben. Der Krieger hatte ihm Böses getan. Er wusste zwar nicht mehr genau, was, aber das war gleichgültig.
Er hatte den Feind gesichtet.
Mit einem Furcht erregenden Kreischen sprang der Käfer von Jennas Arm, schlug mit seinen schweren Flügeln und flog sirrend durch die Luft. Wie eine kleine ferngelenkte Rakete schoss er mit erhobenem Schwert direkt auf Junge 412 zu. Dazu schrie er mit weit geöffnetem Mund und entblößte eine Reihe kleiner spitzer grüner Zähne.
»Schlag zu!«, rief Tante Zelda. »Los, hau ihm auf den Kopf!«
Junge 412 schlug mit seinem Besenstiel nach dem angreifenden Käfer, verfehlte ihn aber. Nicko ließ einen gezielten Hieb folgen, doch der Käfer wich im letzten Moment aus, kreischte und schwang sein Schwert gegen Junge 412, der ihn und das spitze Schwert nur fassungslos anstarrte.
»Halt still«, flüsterte Tante Zelda mit heiserer Stimme. »Rühr dich nicht von der Stelle.«
Junge 412 sah entsetzt zu, wie der Käfer auf seiner Schulter landete, zielstrebig in Richtung Hals vorrückte und das Schwert wie einen Dolch erhob.
Jenna sprang vor.
»Nein!«, schrie sie. Der Käfer drehte sich nach seiner Befreierin um. Er verstand nicht, was sie sagte, doch als sie ihre Hand über ihn legte, steckte er das Schwert in die Scheide und rollte sich gehorsam zu einer Kugel zusammen. Junge 412 ließ sich auf den Fußboden plumpsen.
Tante Zelda brachte das leere Glas, und Jenna versuchte, den Panzerkäfer hineinzuzwängen. Doch es ging nicht. Zuerst hing der linke Arm heraus, dann der rechte. Und als Jenna ihm die Arme verschränkte, musste sie feststellen, dass sich ein großer grüner Fuß aus dem Glas gestrampelt hatte. Sie drückte und quetschte, aber der Käfer wehrte sich mit aller Macht dagegen, wieder in das Glas gesperrt zu werden.
Jenna fürchtete, er könnte in Wut geraten und wieder zum Schwert greifen, doch so verzweifelt er auch um seine Freiheit kämpfte, das Schwert ließ er stecken. Die Sicherheit seiner Befreierin war sein Hauptanliegen. Und wie konnte die Befreierin sicher sein, wenn ihr Beschützer wieder im Glas war?
»Du wirst ihn draußen lassen müssen«, seufzte Tante Zelda. »Ich kenne niemanden, der einen Käfer wieder hineinbekommen hat. Manchmal habe ich das Gefühl, sie schaden mehr, als sie nützen. Aber Marcia musste ja ihren Kopf durchsetzen. Wie immer.«
»Aber was ist mit Junge 412?«, fragte Jenna. »Wird der Käfer ihn nicht wieder angreifen, wenn er draußen bleibt?«
»Nein, jetzt wo du ihn von seiner Schulter genommen hast, passiert wahrscheinlich nichts mehr.«
Junge 412 sah nicht sehr überzeugt aus. »Wahrscheinlich« war nicht ganz das Wort, das er hören wollte. »Ganz bestimmt« wäre dem, was ihm vorschwebte, näher gekommen.
Der Panzerkäfer ließ sich auf Jennas Schulter nieder. Ein paar Minuten lang beobachtete er jeden misstrauisch, doch sobald er eine Bewegung machte, legte Jenna die Hand über ihn, und er beruhigte sich wieder.
Bis etwas an der Tür kratzte.
Alle erstarrten.
Draußen kratzte etwas mit Krallen an der Tür.
Ritz ... ratz ... ritz.
Maxie winselte.
Der Panzerkäfer stand auf und zückte sein Schwert. Diesmal beruhigte Jenna ihn nicht. Der Käfer lauerte sprungbereit auf ihrer Schulter.
»Berta, sieh nach, ob es ein Freund ist«, sagte Tante Zelda ruhig. Die Ente watschelte zur Tür, legte den Kopf auf die Seite und horchte, dann miaute sie kurz.
»Es ist ein Freund«, sagte Tante Zelda. »Das kann nur der Boggart sein. Obwohl ich nicht verstehe, warum er so kratzt.«
Tante Zelda öffnete die Tür und stieß einen Schrei aus: »Boggart! Oh, Boggart!«
Der Boggart lag blutend auf der Stufe vor der Haustür.
Tante Zelda kniete sich neben ihn, und alle anderen drängten sich um sie. »Boggart, lieber Boggart. Was ist passiert?«
Der Boggart sagte nichts. Seine Augen waren geschlossen, sein Fell war stumpf und blutverklebt. Er hatte sich mit letzter Kraft zur Hütte geschleppt und war dann zu Boden gesackt.
»Oh, Boggart ... machen Sie die Augen auf, Boggart ...«, rief Tante Zelda. Er reagierte nicht. »Helft mir, ihn hochzuheben. Schnell.«
Nicko sprang vor und half ihr, den Boggart aufzurichten, doch er war schlüpfrig und schwer, und so mussten alle mit anpacken, um ihn hineinzuschaffen. Sie trugen ihn in die Küche, wobei sie versuchten, nicht auf das Blut zu achten, das auf den Boden tropfte, und hievten ihn auf den Küchentisch.
Tante Zelda legte ihm die Hand auf die Brust.
»Er atmet noch, aber schwach. Und sein Herz flattert wie ein Vogel. Er ist sehr schwach.« Sie unterdrückte einen Seufzer, schüttelte sich und gab sich einen Ruck.
»Jenna, sprich mit ihm, während ich meine Medizintruhe hole. Sprich mit ihm und lass ihn spüren, dass wir da sind. Pass auf, dass er nicht stirbt. Nicko, bring heißes Wasser aus dem Topf.«
Junge 412 half Tante Zelda beim Schleppen der Medizintruhe. Unterdessen hielt Jenna dem Boggart die feuchten und schlammigen Pfoten und sprach leise auf ihn ein. Sie konnte nur hoffen, dass sie ruhiger klang, als sie es in Wirklichkeit war.
»Mr Boggart, es ist alles in Ordnung, Mr Boggart. Sie werden bald wieder gesund. Ganz bestimmt. Können Sie mich hören, Mr Boggart? Mr Boggart? Drücken Sie meine Hand, wenn Sie mich hören können.«
Die mit Schwimmhäuten versehenen Finger drückten ganz leicht Jennas Hand.
»So ist es gut, Mr Boggart. Wir sind noch da. Sie werden wieder gesund. Sie werden ...«
Tante Zelda und Junge 412 kamen mit der großen Holztruhe zurück und setzten sie auf dem Boden ab. Nicko stellte eine Schüssel mit heißem Wasser auf den Tisch.
»So«, sagte Tante Zelda. »Danke, euch allen. Aber jetzt möchte ich, dass ihr mich mit Boggart alleine lasst. Geht und leistet Maxie und Berta Gesellschaft.«
Sie ließen den Boggart jetzt nur ungern allein.
»Macht schon«, drängte Tante Zelda.
Jenna ließ widerstrebend die schlaffe Pfote des Boggart los und folgte den beiden Jungs aus der Küche. Die Tür wurde fest hinter ihnen zugemacht.
Die drei setzten sich traurig auf den Fußboden vor dem Kamin. Nicko kuschelte sich an Maxie. Jenna und Junge 412 stierten nur gedankenverloren in die Flammen.
Junge 412 dachte an seinen Zauberring. Vielleicht, so überlegte er, konnte Tante Zelda den Boggart wieder gesund machen, wenn er ihr den Ring gab. Aber wenn er ihr den Ring gab, wollte sie bestimmt wissen, wo er ihn gefunden hatte. Und eine innere Stimme sagte ihm, dass sie sauer werden würde, wenn sie erfuhr, woher er ihn hatte. Stocksauer. Ihn vielleicht sogar fortjagen würde. Immerhin war es Diebstahl, oder etwa nicht? Er hatte den Ring gestohlen. Er gehörte nicht ihm. Aber vielleicht konnte er den Boggart retten ...
Je länger er darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm, was er zu tun hatte. Er musste Tante Zelda den Drachenring geben.
»Tante Zelda hat gesagt, dass wir sie allein lassen sollen«, sagte Jenna, als er aufstand und zur Küchentür ging.
Junge 412 ging unbeirrt weiter.
»Nicht!«, fuhr ihn Jenna an. Sie sprang auf, um ihn aufzuhalten, doch im nächsten Augenblick ging die Küchentür auf.
Tante Zelda kam heraus. Sie war käseweiß und sah mitgenommen aus. Ihre Schürze war voller Blut.
»Auf Boggart ist geschossen worden«, sagte sie.